Langendorfs Dienst: Leuchtturm, 25. Juni 2010

Einen Steinwurf vom Bonner Hauptbahnhof entfernt gibt es eine literarische Buchhandlung und Galerie, die auf Attraktionen wie eine elegante Fassade und Kartenständer vor der Tür einfach so verzichtet. Aber für die Stammkunden hat es diese Buchhandlung in sich.

"Die schönste Buchhandlung in Bonn" heißt es in einem Internetbeitrag, und der Bernstein Verlag twitterte: "Bonn zu verlassen, ohne diese Buchhandlung gesehen zu haben, ist eine Sünde". Wer an der Buchhandlung Böttger in der Bonner Maximilianstraße vorbei geht, kommt freilich nicht unbedingt auf diese Idee: Der schmucklosen Fassade ist überhaupt erst auf den zweiten Blick anzusehen, dass sich dahinter eine Buchhandlung verbirgt.


Den Schuldienst gegen den Buchhandel getauscht

Hat man dennoch hinein gefunden, sieht man das dafür umso deutlicher: Dunkle Regale bis an die hohe Decke, voll gepackt mit neuen und alten Büchern, angelehnte Spitzweg-Leitern. Kurzum: Ein Verkaufsraum, bei dem Einrichter und Betriebsberater die Hände über dem Kopf zusammen schlagen.

Alles Absicht, denn das Understatement gehört zum Geschäft. Buchhandelsgründer Alfred Werner Böttger (55) hatte Buchhandel gelernt (bei F. Alby's in Recklinghausen), war dann aber bis etwa zum 50. Lebensjahr im Schuldienst und wollte danach in den letzten 15 bis 18 Jahren des Berufslebens etwas anderes machen, "einfach so". Nicht gleich direkt in Bonn, sondern in einem Vorort vom Vorort, nämlich in Rüngsdorf, einem Teil von Bad Godesberg.

Dort hat Böttger "von vornherein nicht auf ein Boulevard-Publikum reflektiert". Konnte er auch nicht, denn das kleine Geschäft lag "in absoluter Einsamkeit", Laufkundschaft gab es keine, die diese Buchhandlung auf stabile Füße hätte stellen können. Dennoch hatte er sich nach zwei Jahren dort mit einem literarischen Buchprogramm, Antiquariat, Kunst, CDs und mehr als 90 Veranstaltungen ("jede rappelvoll") einen richtigen Stammkundenkreis aufgebaut.


Wie man in der Einsamkeit Stammkunden gewinnt

Wie schafft man das in so einem entlegenen Winkel? Mit einer Kombination aus Konsequenz im Angebot, beharrlicher Stammkunden-Ansprache und Veranstaltungen, die die Kunden so sonst nicht finden.

Böttgers Sortimentsschwerpunkte klingen erst einmal wenig originell: Belletristik, Sachbuch, Kinder- und Jugendbuch. Die Konsequenz im Angebot zeigt sich aber schon in der intensiven Pflege kleiner Verlage. Böttger führt kaum Bestseller, dafür " Bücher, die ich selbst gern sähe, wenn ich die Zeit hätte, als Kunde in eine Buchhandlung zu gehen." Dieses Auswahlprinzip gilt auch für Antiquariat, CDs und Bilder.

Die beharrliche Stammkunden-Ansprache ist der Kern des Geschäftsmodells. Böttger nutzt jede Gelegenheit, sich und sein Buchprogramm zu zeigen, vom Trödelmarkt bis zum Büchertisch im Altenheim, in der Ruine am Tag des Denkmals und mit Flyern, die er selbst in die Haushalte verteilt. Zusammen mit dem individuellen Angebot erzeugt das nicht bei der Masse, aber in den dafür empfänglichen Kreisen zusätzlich Mundpropaganda: "Da draußen findest du eine Buchhandlung, die findest du sonst nirgendwo", erzählten seine Kunden ihren Freunden.

So wurde die etwas andere Buchhandlung zum Kulturzentrum der Umgebung und zum Treffpunkt dieser speziellen Zielgruppe. Und die lässt sich dann auch ohne Streuverlust zu den Veranstaltungen einladen, die exakt dem Sortiments- und Kunstangebot entsprechen.

Das hätte in der Rüngsdorfer Idylle so weiter gehen können, hätte sich da nicht vor der Tür eine Baustelle breit gemacht, die sein Geschäft selbst für beharrliche Kunden schwer zugänglich werden ließ, Dauer: unkalkulierbar. Nach Abklappern von 30 ungeeigneten Ausweichadressen in der Umgebung verdankte Böttger dem Tipp eines Stammkunden das neue Ladenlokal mitten in der Bonner City.


Neuer Standort, alte Grundsätze

Obwohl, beim Standort muss man Abstriche machen: Die Adresse ist zwar nur zwei Steinwürfe vom Hauptbahnhof entfernt, aber keine besonders gute Einzelhandelslage. Das Umfeld ist wenig einladend, der Nachbar ist ein Internetcafé, man läuft an diesem Ort vorbei, ohne ihn zu suchen. Es gibt zwar eine gute Frequenz, 5000 Personen gehen am Tag an der Buchhandlung vorbei, aber das interessiert Böttger gar nicht, weil sie überhaupt nicht sein Publikum sind. Insofern ist der bescheidene äußere Auftritt der Buchhandlung auch gar kein Manko. Das eigentlich Interessante am neuen Platz ist, dass die Stammkunden "ihre" Buchhandlung jetzt besser erreichen können.

Dort kann Böttger seit September 2008 genau so weiter machen wir zuvor, aber in größerem Format. An seinen Kriterien zur Zusammenstellung des Neubuch-Sortiments hat er natürlich nichts geändert. "Ich bastele mir meine Bestseller selbst" kann er behaupten, denn auf seine nachhaltigen Empfehlungen hören seine Kunden. Am besten funktioniert das, wenn er die Autoren persönlich in die Buchhandlung bekommt, und das gelingt oft, denn es handelt sich ja meist nicht um Promis von der Bestsellerliste. Obwohl auch schon bekannte Namen auftraten.

Beim Antiquariat, das umsatzmäßig nur eine untergeordnete, aber für das Gesicht der Buchhandlung wichtige Rolle spielt, ist Böttger ebenso eigen. Er kauft grundsätzlich keine ganzen Bibliotheken auf, sondern nur handverlesene Einzelstücke, auch wenn das mühsam und weniger lukrativ ist.

Die CD-Abteilung führt nur Klassisches. Das Spektrum reicht von der Gregorianik bis ins 20. Jahrhundert.

Die Kunstgalerie schließlich hat von dem Umzug besonders profitiert, indem sie in einen früher ungenutzten, frisch renovierten Keller ziehen konnte und jetzt erstmals wirklich Platz für kleine Ausstellungen hat, und Vernissagen in den verwinkelten Räumen mit den interessanten Durchblicken müssen ein Vergnügen sein.


Veranstaltungen sind Kern der Kundenbindung

Auch die übrigen Veranstaltungen reißen nicht ab. 99 Personen sind in den Räumlichkeiten erlaubt, und die bringt Böttger auch häufig zusammen. Im Übrigen gibt es im neuen Domizil einen rückseitigen Ausgang mit einer offenen Veranda, auf der bei entsprechendem Wetter schön gelesen, verköstigt und gefeiert werden kann.

Die Verbindung zum Böttgerschen Sortiment zeigt sich in der Veranstaltungsreihe "Kleine Verlage stellen sich vor", in der er den Verlegern seiner Wahl Gelegenheit gibt, sich und ihre Programme zu präsentieren. Zwei literarische Verleger waren schon da, ein Wissenschafts- und ein Kunstverlag, als nächstes soll ein Kinderbuchverlag zu Gast sein.

Daneben gibt es in der Buchhandlung immer mal wieder kleine Kammerkonzerte, zwischen den hoch ragenden Bücherwänden in besonders stimmungsvollem Ambiente. Drei bis vier solcher Konzerte gibt es bei Böttger pro Jahr.

Ja, und diese eigenwillige Buchhandlung arbeitet auch an einem Rechnungsgeschäft. Böttger ist dabei, Verbindungen zu Bibliotheken, Firmen und Freiberuflern zu knüpfen: "Es wird mehr und mehr."

Schließlich ist die Buchhandlung noch verlegerisch tätig, aber wie könnte es anders sein: In der Edition Böttger erscheint keine Massenware, sondern es gibt Künstlerausgaben mit hochwertigem Papier und Druck. So ein Titel hat 15 Exemplare Auflage, wenn es hoch kommt 20, und kostet 250 Euro. Für diese Reihe hat Böttger auch schon erste Abonnenten.


Diese Internetseite sollte man ansehen

Wen interessiert, was die Bestandteile des literarischen Sortiments und der erlesenen Veranstaltungen sind, der sei auf die Internetseite der Buchhandlung verwiesen. Obwohl selbst nicht gerade "affin", hat Böttger seiner Buchnadlung im Netz einen sehr schönen Auftritt basteln lassen, der mit einem richtigen Eingangsportal anfängt: Dem Bild von einer einen Spalt weit geöffneten Tür, dessen Original den Verkaufsraum schmückt.

Die Buchhandlung Böttger verstößt gegen viele Regeln, aber auch das funktioniert. Natürlich nur mit dem vollen Einsatz des Inhabers, der zu seinen mittelfristigen Projekten zählt, zu seiner Entlastung jemanden einzustellen. Was aber nicht heißen soll, dass er amtsmüde wäre: "Es macht Spaß, man hat sein Auskommen und die Arbeit verjüngt ungemein."

Für das derzeitige Ein-Mann-Unternehmen ist der Planumsatz 250.000 Euro, ein respektabler Pro-Kopf-Umsatz. Und in den noch verbleibenden der 15 bis 18 Berufsjahre will Böttger sein kleines Unternehmen in eine Form bringen, in der er es am Ende einem vernünftige Nachfolger übergeben kann.
AnhangGröße
leuchtturm-artikel.pdf874.83 KB