Buchhandlung & Galerie Böttger
Maximilianstraße 44 D-53111 Bonn Tel.: 0228 / 35 02 71 9 brief [at] buchhandlung-boettger [dot] de
Öffnungszeiten |
Buchhandlung Böttger |
|||
BuchMarkt, Juni 2010
Stilvoll, anspruchsvoll und: ganz anders
Ein literarisch hochstehendes Sortiment, das keine Rücksicht auf Erscheinungstermine nimmt, kann nicht funktionieren. Heißt es. Die Buchhandlung Böttger in Bonn beweist: Kann es doch
Alfred Böttger kennt den Buchhandel. Er hat in Recklinghausen bei F. Alby‘s Buchhandlung gelernt und weiß, dass Buchhandel keine einfache Disziplin ist. Und er weiß, dass er alles anders macht. Anders, als „man es macht“. Anders, als es Berater empfehlen. Aber er macht das, wovon er überzeugt ist, und zwar unermüdlich. Das ist nicht immer einfach, aber es funktioniert doch. Vor einigen Jahren, Böttger war Anfang 50, beschloss er: „Jetzt mache ich die Buchhandlung, die mir vorschwebt“. Er eröffnete im November 2004 seinen Laden. Böttger entstammt einer klassischen humanistischen Bildung. Das sieht man seiner Buchhandlung an. Das Sortiment bringt das Herz des kulturell und literarisch Interessierten unweigerlich zum Schlagen. Geisteswissenschaften pur. Natürlich gibt es ein Belletristik-Alphabet. Das ist aber auch schon das einzige, was an klassische Sortierung erinnert. Einzelne Reihen wie die Reclam Bibliothek oder Kleinverlage wie die Achilla Presse stehen gesondert, Regalbeschriftungen fehlen. Ein großes Lyrikregal hat er, Kunstbände frontal über den ganzen Laden verteilt, demnächst möchte er ein Regal freiräumen, in dem er Belletristik nach Epochen sortiert. Eine ganz andere Art von Buchhandel, die nur über intensive Beratung funktionieren kann. Böttger kennt aber das Sortiment in- und auswendig. Mit 68 Quadratmetern ist die Ladenfläche überschaubar; jedoch bis unter die – sehr hohe – Decke voll mit Büchern. Auf langen Tischen, die den Raum gliedern, finden sich Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Nonbooks? Fehlanzeige. Neben der schönen Literatur führt Böttger vorrangig Lyrik, Philosophie, Kulturgeschichte und Altertumswissenschaftliches und zwar auch in antiquarischer Form. Zu Beginn überwog dieser Teil. Im Grunde war die Buchhandlung zunächst ein Antiquariat. „Vier neue Titel hatte ich“, erinnert sich Böttger. „Ich nannte das ‚Buchhandlung‘, auch wenn daraufhin mancher mit anderen Vorstellungen den Laden betrat.“ So etwas ficht Böttger aber nicht an. Nach und nach nahm das Unternehmen Fahrt auf, nach und nach erweiterte er das Sortiment. Vor anderthalb Jahren zog er an seinen heutigen Standort am Bonner Bahnhof, zuvor war er in Bad Godesberg. Von dort wegzugehen, erschien ihm zunächst als Wahnsinn, hatte er sich doch mühevoll eine Stammkundschaft aufgebaut, die er nicht verlieren wollte. Das hatte er vor allem durch Veranstaltungen erreicht. Böttger bedient ein „klassisches Bildungsbürgertum im besten Sinne des Wortes“, wie er es bezeichnet. Das existiert natürlich. Das kauft auch Bücher. Es will aber erreicht werden, es muss aufmerksam gemacht werden darauf, dass es da eine Buchhandlung gibt, die auf ihre Wünsche zugeschnitten ist. Genau dies ist immer wieder die Schwierigkeit. Er hat es geschafft. Böttgers Veranstaltungsprogramm ist beeindruckend, im letzen Jahr hatte er über dreißig Termine. Zu den ersten Terminen kamen nur wenige Personen, also ging er abends noch los und verteilte selbst stundenlang Flyer für seine Veranstaltungen in Briefkästen. „Das war richtig Knochenarbeit“, erzählt er. Es hat sich aber ausgezahlt. Heute sind seine Veranstaltungen immer gut besucht. Zu einer Präsentation des dem Massenpublikum nicht unbedingt bekannten Dittrich Verlags im April hatte Böttger mit rund zwanzig Personen gerechnet; gekommen sind über fünfzig. Am folgenden Tag war der ehemalige Direktor des Centre Pompidou Hans-Werner Spieß zu Gast. 120 Personen drängten sich in den kleinen Raum. In allem, was er tut, legt Böttger Wert auf Qualität. Schon beim Betreten der Fläche fallen die schönen Tische auf, auf denen Böttger präsentiert. Um eine lange alte Tafel stehen alte Stühle, an den wenigen freien Wänden hängt Kunst. Böttger führt dazu nämlich auch noch eine kleine Galerie. Und auch hier der Qualitätsanspruch: „Ich lasse keine Dilettanten ausstellen.“ Der bekannte Grafikdesigner und Typograf Josua Reichert wird im Sommer bei ihn ausstellen, Werke des Surrealisten Mac Zimmermann hatte er ebenfalls. Der Wein, den Böttger nach seinen Veranstaltungen ausschenkt, ist – natürlich – ausgezeichnet. Trotz alledem möchte Böttger nicht abgehoben wirken, sondern bemüht sich auch darum, gerade jungen, offenen Menschen zu zeigen, dass es – weit ab vom Massengeschmack – noch viel mehr gibt. Mehr Verlage, mehr Autoren, mehr Vielfalt. „Schüler und Studenten interessieren mich als Kunden sehr. Ich habe zahlreiche, kostenlose oder sehr günstige Veranstaltungen thematisch so ausgerichtet, dass sie auf mich aufmerksam werden.“ Er hält vorrätig, was er für wertvoll hält. Stapeltitel? Michael Donhausers „Schönste Lieder“, ein Lyrikband in der Urs Engeler Edition. Entsprechend remittiert er auch kaum. Viele kleine Verlage sind bei ihm vertreten, und ein Blick auf seine elegante Homepage zeigt, welche Autoren er schätzt. Von Anna Achmatowa über Joseph Conrad, Flaubert, Erich Kästner bis zu Sartre, Schnitzler und Marina Zwetajewa sind da spannende, mehr oder minder bekannte Namen aus allen Epochen der Literaturgeschichte versammelt. Bonn ist mit ca. 318.000 Einwohnern eine kleine Großstadt mit einem auffallenden kulturellen Angebot und hat als Universitätsstadt eine ansehnliche Schicht gebildeter Einwohner. Andernorts hätte es Böttger sicher wesentlich schwerer. Kunden, die Böttger entdeckt haben, bleiben ihm aber treu. Seine Buchhandlung ist einzigartig. Selbst routinierte Buchkäufer und Vielleser, die an keiner Buchhandlung vorbeigehen können, sehen auf den ersten Blick, dass der Laden etwas Besonderes ist, austauschbare Massenware fehlt. Ob das funktioniert? „Es könnte natürlich noch etwas lebhafter werden“, wünscht sich Böttger. Dabei klingelt ständig das Telefon, oder es kommen Kunden in den Laden. Ob sie etwas für sich selbst, als Geschenk oder einfach neue Anregungen suchen: Sie wenden sich mit alledem an ihn, wissen sie doch, dass sie hier mehr bekommen als anderswo. Anderes. „Um eine angemessene Resonanz zu bekommen, bedarf es allerdings eines langen Atems“, weiß er. Er hat ihn. „Ich beginne morgens zwischen sieben und acht mit der Arbeit und gehe abends zwischen acht und neun.“ Knochenarbeit, die mit Leidenschaft und bedingungsloser Überzeugung betrieben wird: Die nötigen Ingredienzen, soll das – angeblich – Unmögliche gelingen.
| ||||