Buchhandlung & Galerie Böttger
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Thomas Brasch: Der schöne 27. SeptemberZum Beispiel Galilei
Die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt, sie ist ein Stein, der um die Sonne fällt, sagt Galileo Galilei aus Padua, der mit dem Fernrohr in den Himmel sah.
Kaum ist das Wort heraus, schon würgt der Hals. Der Schweiß läuft über seinen Blick, als er das Flüstern hört, den Schatten sieht, der vor dem Fenster seine Kreise zieht:
Halt deine Zunge fest, die Augen zu: Ich sehe einen Blinden. Wen siehst du. Ich sehe einen Stummen hinterm Fenster stehn in einem Haus, um das die Wächter gehen.
Die Mönche schleppen ihn nach Rom vors Papstgericht, sie zeigen ihre Instrumente vor im Kellerlicht: Sag, Physiker, wie deine Wahrheit heißt, wenn einer dir das Herz aus deinem Körper reißt.
Und Galilei sagt: Unsre Erde ist kein armer Stein, der um die Sonne fällt. Sie steht im großen Schein. Auf ihr stehn wir im Mittelpunkt der Dinge fest und über uns steht Gott, der seine Sonne kreisen läßt.
Dann wird der Mann, der eine Wahrheit weiß, doch abgezählt hat an zehn Fingern ihren Preis, durchs Klostertor gestoßen in den Straßendreck. Er läuft zurück nach Padua in sein Versteck.
Vier Jahre später ist er blind und tappt durchs Zimmer: Bleibt mir vom Hals mit Schwerkraft, Wahrheit, Wissenschaft für immer. Alles ist schwarz. Sie hatten recht. Und nichts, das sich bewegt. Nur Galileo Galilei, der sich zum Sterben in sein Fenster legt.
Thomas Brasch (19.02.1945 - 03.11.2001)
1963
1980
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