Zum Beispiel Galilei
Die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt,
sie ist ein Stein, der um die Sonne fällt,
sagt Galileo Galilei aus Padua,
der mit dem Fernrohr in den Himmel sah.
Kaum ist das Wort heraus, schon würgt der Hals.
Der Schweiß läuft über seinen Blick, als
er das Flüstern hört, den Schatten sieht,
der vor dem Fenster seine Kreise zieht:
Halt deine Zunge fest, die Augen zu:
Ich sehe einen Blinden. Wen siehst du.
Ich sehe einen Stummen hinterm Fenster stehn
in einem Haus, um das die Wächter gehen.
Die Mönche schleppen ihn nach Rom vors Papstgericht,
sie zeigen ihre Instrumente vor im Kellerlicht:
Sag, Physiker, wie deine Wahrheit heißt,
wenn einer dir das Herz aus deinem Körper reißt.
Und Galilei sagt: Unsre Erde ist kein armer Stein,
der um die Sonne fällt. Sie steht im großen Schein.
Auf ihr stehn wir im Mittelpunkt der Dinge fest
und über uns steht Gott, der seine Sonne kreisen läßt.
Dann wird der Mann, der eine Wahrheit weiß,
doch abgezählt hat an zehn Fingern ihren Preis,
durchs Klostertor gestoßen in den Straßendreck.
Er läuft zurück nach Padua in sein Versteck.
Vier Jahre später ist er blind und tappt durchs Zimmer:
Bleibt mir vom Hals mit Schwerkraft, Wahrheit, Wissenschaft für immer.
Alles ist schwarz. Sie hatten recht. Und nichts, das sich bewegt.
Nur Galileo Galilei, der sich zum Sterben in sein Fenster legt.
Thomas Brasch (19.02.1945 - 03.11.2001)
1963
Nach dem Abitur Ausbildung als Setzer, Entwässerungsarbeiter und Schlosser.
1964
Studium der Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig. 1965 entsteht das Hörspiel Monologe zur Nacht.
1966
Inszenierung des Vietnamprogramms Seht auf dieses Land, das nach der Generalprobe abgebrochen und verboten wird.
1967
Studium der Dramaturgie an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg. 1968 entsteht der Schallplattentext Leon Segel. Verhaftung und Verurteilung zu 27 Monaten Gefängnis wegen "staatsfeindlicher Hetze" im Zusammenhang mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR. Exmatrikulation von der Filmhochschule. Haftentlassung auf Bewährung. Zuweisung eines Arbeitsplatzes als Fräser im Transformatorenwerk "Karl Liebknecht" in Berlin.
1976
Im Dezember wird eine "einmalige Ausreise zwecks Übersiedlung aus der DDR" gestattet. Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland
1977
Lessing-Preis der Stadt Hamburg und Stipendium aus dem Fond zum Gerhart-Hauptmann-Preis der Freien Volksbühne Berlin. Erster Aufenthalt in den USA. Tätigkeit als künstlerischer Berater des Generalintendanten der Staatlichen Schauspielbühnen Berlin.
1980
Der Gedichtband Der schöne 27. September erscheint.
F.A.Z. Preis für Literatur. Fördergabe zum Schiller-Gedächtnis-Preis.
1987
Kleist-Preis. Laudatio: Christa Wolf.